Miss Helvetia
tritt am 16. Oktober mit ihrem neuen Album im Dömli in Ebnat-Kappel auf.
Barbara Soreia Wojak
Wir leben in turbulenten Zeiten. Es rappelt hier, es rappelt dort, und manchmal weiss man nicht mehr, wo vorne und hinten ist. An einem Campingwochenende habe ich das wieder gemerkt. Vor zwei Jahren hätte ich bei manchem gedacht: Danke, war nett. Wo ist der Ausgang? Diesmal blieb ich. Ich schaute hin. Und plötzlich öffnete sich etwas, das ich früher nicht gesehen hätte. Vielleicht ist das mit uns wie mit einem alten Lieblingsmantel. Die Naht mehrfach repariert, der Knopf baumelt daneben und beim Zumachen braucht es fast göttlichen Beistand. Trotzdem denkt man: Der geht noch. So machen wir es auch mit alten Rollen und Mustern. So lange gepflegt, bis wir glauben: Das bin ich.
Mein Nervensystem hatte einen festen Job: meinen Platz verteidigen. Mein Anderssein. Meine Echtheit. Irgendwie brauchte es dafür immer erst ein bisschen Drama. Bis ich merkte: Moment mal. Ich muss meinen Platz gar nicht mehr verteidigen. Ich kann ihn einfach einnehmen. Und dann steht das Nervensystem da wie ein Mitarbeiter, dessen Abteilung geschlossen wurde: «Ähm … und was mache ich jetzt?» Holla die Waldfee. Genau da kann man ins Straucheln kommen. Nicht weil etwas falsch läuft. Sondern weil etwas Vertrautes wegfällt. Früher trank ich Kaffee mit drei Löffeln Zucker und Milch. Dann ohne Zucker. Später mit Hafermilch. Heute trinke ich ihn schwarz. Mir schmeckt er einfach so. Manchmal fällt im Leben Schicht für Schicht weg, was wir irgendwann hinzugefügt haben. Übrig bleibt das Wesentliche. Was passt wirklich zu mir? Was ist vertraut, aber längst nicht mehr meins?
Gerade dann braucht es Orientierung, Klarheit und Tiefe. Nicht damit uns jemand sagt, wer wir sein sollen. Sondern damit wir erkennen, was noch zu uns gehört. Natürlich kann man den alten Mantel noch hundertmal flicken. Irgendwann sieht man darin aus wie eine Presswurst mit Knöpfen. Auch eine Entscheidung. Oder wir sagen: Danke. Du hast lange zu mir gehört. Jetzt darfst du gehen. Denn authentisch und echt sein bedeutet nicht, ein neuer Mensch zu werden. Es bedeutet, weniger von dem festzuhalten, was wir nie wirklich waren. Was wäre, wenn du deinen Platz nicht länger verteidigst, sondern ihn einnimmst?
Barbara Soreia Wojak, Mentorin für Selbstermächtigung & innere Führung
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